Das geheimnisvolle Licht
Das geheimnisvolle Licht
Es war einmal vor langer Zeit in einem tiefen Wald, weit weg von den Häusern und Wegen der Menschen. Der Herbst hatte längst Einzug gehalten und den Pflanzen und Tieren zu erkennen gegeben, dass es Zeit war, sich für den Winter vorzubereiten. Die Mäuse hatten ihre Nester mit weichem Moos schön kuschelig ausgepolstert und die Eichhörnchen einen beachtlichen Vorrat an Nüssen und Eicheln vergraben und in Baumhöhlen und Ritzen versteckt. Die Wild-schweine waren rund von den vielen Eicheln und Bucheckern, die sie sich hatten schmecken lassen und trugen einen dicken Winterpelz auf ihrer Schwarte. Auf der Suche nach letzten Leckerbissen huschten noch einzelne Igel durch den Laubteppich, der wie eine wärmende Decke über dem Boden lag, denn sie begannen ihren Winterschlaf erst, wenn der Frost auch am Tag dauerhaft die Kälte festhielt. Auch Fuchs, Hase, Reh und Hirsch machten sich auf den ersten Schnee gefasst. In einer sternenklaren Nacht, in der ein scharfer Wind klirrende Kälte mit sich brachte, erlebten die Wald-bewohner etwas Seltsames…
…Der Mond schien hell und tauchte den Wald in ein silbernes Licht. Doch was war das? – Helle Klänge waren plötzlich zu hören, als würde sie der Wind mit sich tragen. Die Tiere des Waldes horchten ängstlich auf und versammelten sich auf einer Lichtung. Selten nur kamen Menschen in den Wald, wie das harmlose, alte Weiblein, das Beeren, Wurzeln und Kräuter sammelte. Aber um diese Jahreszeit war sie noch nie da gewesen. Der Fuchs rief: „Das kann nur der Jäger mit seinem Hund sein“. Aber der Hirsch widersprach sofort: „Hört doch genau hin, das sind Töne wie wir sie noch nie kannten. Und da hatte er wohl recht. Es war eine gar liebliche Musik, die das Herz anrührte und die Tiere fühlten sich trotz aller Vorsicht davon angetan. Inzwischen hatte sich auch die Eule eingefunden. Sie galt als die Weiseste unter Ihnen und so warteten alle gespannt, was sie dazu sagen würde. Sie flog auf einen Ast, von dem aus sie die ganze Lichtung gut überblicken konnte und ordnete zuerst seelenruhig ihr Gefieder. Erst als sie damit fertig war, begann sie zu sprechen: „Es ist eine ungewöhnliche Musik, die da in unserem Wald zu hören ist. Sie ist fern und nah zugleich und stimmt unser Herz friedlich. Das kann nicht von den Menschen sein. Lasst uns nachsehen, wo sie herkommt, ich bin sicher, wir haben nichts zu befürchten“. „Und wenn es doch der Jäger ist, der uns nur täuschen will“, wandte der schlaue Fuchs ein. „Dann werden wir ihm nicht in die Falle gehen“, erwiderte die Eule. „Es sollen zunächst die Vögel und Eichhörnchen ausschwärmen und nachsehen“ schlug sie vor. Diese Idee gefiel den Tieren und weil es vom Mondschein so hell war, konnten selbst die Meisen sich mit auf die Suche machen.
Es dauerte gar nicht lange, da kam eines der Eichhörnchen ganz außer Atem zurück und berichtete: „Da, beim Bach, in der großen Tanne, da ist was – es leuchtet und da ist auch die Musik…“. Darauf konnte sich keines der Tiere einen Reim machen. Wild durcheinander redeten sie und jeder hatte eine andere Deutung. „Ruhe!“ lies da die Eule hören. „Wir werden gemeinsam hingehen, und nachsehen, welches Wesen in unserem Wald solche Klänge hervorbringt.“ Damit waren alle einverstanden und so setzte sich die Gruppe in Bewegung. Am Bach angekommen konnten sie schon von weitem einen hellen Schein wahrnehmen. Vorsichtig schlichen sie näher. Die Eule, die nachts besonders gut sehen konnte, saß auf dem mächtigen Geweih des Hirsches, der allen voranschritt. Dieses „Etwas“ musste in der Tanne sitzen, denn außer dem Lichterschein war nichts zu erkennen. Nun waren die Mäuse gefragt. Flink flitzten sie voraus und suchten immer wieder hinter Wurzeln und Moospolstern Deckung. Wie erstaunt waren Sie darüber, was sie im Baum zu sehen bekamen. Eine von ihnen machte gleich kehrt, um den anderen zu berichten, dass sie ruhig kommen könnten. Die Neugierde ließ keinen zögern und so standen die Waldbewohner nach kurzer Zeit versammelt unter den lang geschwungenen Ästen der Tanne wie unter einem großen Dach. Und was meint ihr bekamen sie zu sehen?
Eine Etage weiter oben saß dieses „Etwas“ auf einem Ast, es war nicht größer als ein Hase und war von Licht hell wie ein Sonnenstrahl umgeben. Auch die Musik kam von da, glockenheller Klang, der alle verzauberte. Der Hirsch räusperte sich. Plötzlich war es ganz still und der Lichterschein verschwand. „Wer bist du denn?“ fragte der Hase, der als etwas vorlaut bekannt war. „Oh, bitte tut mir nichts, ich komme von weit her und könnte gut eure Hilfe gebrauchen“, kam als Antwort zurück. „Dann komm doch erst mal runter“, ergriff die Eule das Wort und winkte mit ihrem Flügel. „Das kann ich leider nicht, ich habe mich hier in den Ästen verfangen, wollt ihr mir nicht helfen?“ Die Eichhörnchen machten sich sogleich auf den Weg, befreiten das unbekannte Wesen und begleiteten es herab von dem mächtigen Baum. „Oh bitte, könnt ihr mein Musikinstrument auch noch runterholen?“ bat der Gerettete. Jetzt erst erkannten die Tiere, wer vor ihnen stand. Wie Schuppen fiel es von ihren Augen. Sie hatten gerade einem Engel geholfen.
Der dehnte und streckte sich erst mal glücklich, nahm seine Harfe entgegen, setzte sich auf eine Wurzel und begann sogleich wieder zu spielen. Mit dem ersten Ton war er wieder von dem hellen Leuchten umgeben und er erzählte den Tieren seine Geschichte: „Wisst ihr – ich sollte da droben im Himmel weihnachtliche Lieder üben und das konnte ich wirklich schon sehr gut, denn ihr müsst wissen, immer wenn man die Töne richtig spielt, fängt das Engelslicht zu leuchten an. Irgendwann wurde mir dann aber langweilig, und ich wollte ein bisschen auf die Erde hinunter schauen, was die Kinder dort machen und ob sie sich schon auf den Heiligen Abend freuen. Dabei habe ich mich zu weit hinausgebeugt und bin hinuntergefallen. Und weil ich meine Harfe nicht loslassen wollte, hatte ich nicht genügend Kraft, mit meinen kleinen Flügeln wieder hinaufzufliegen. Dann habe ich mich auch noch in diesem Baum hier verfangen und konnte mich nicht mehr befreien.“ Die Tiere hatten gespannt zugehört und nickten betroffen. „Zuerst habe ich lange geweint, weil ich Angst hatte und so alleine war in diesem tiefen Wald. Dann ist mir aber wieder eingefallen, dass mit meinem Spiel auch das Licht erscheint und habe gehofft, dass mich jemand hört oder sieht und mir zu Hilfe kommt.“ „Ja, und wie willst du jetzt wieder hinauf kommen?“ meldete sich ausnahmsweise das Wildschwein zu Wort. „Wenn ich das nur wüsste“, antwortete der Engel. „Meine himmlische Harfe ist einfach zu schwer, so dass ich mit ihr nicht fliegen kann“, fügte er traurig hinzu.
Die Tiere dachten angestrengt nach. „Du kannst doch auch einfach bei uns bleiben“, meinte das Reh, „wir finden bestimmt einen Platz, an dem du in unserem Wald wohnen kannst“. „So einfach ist das leider nicht“, erwiderte der kleine Engel, „ich soll nämlich am Heiligen Abend im Orchester beim großen Hosianna mitspielen“. „Und ohne deine Harfe kannst du fliegen?“, fragte die Eule mitten hinein. „Ja, schon, aber die muss ich doch mitnehmen“, sagte der Engel mit weinerlicher Stimme, hörte das spielen auf und sofort war es wieder dunkel. „Ich hab eine Idee“, ließ der Fuchs alle wissen, „die Harfe muss eben jemand anderer nehmen, die Eule zum Beispiel. Sie soll dich hinauf begleiten und dann wird alles gut.“ „Das geht leider nicht, kein Wesen von der Erde kann einfach in den Himmel kommen, außerdem bekäme ich dann großen Ärger“, weinte der Engel verzweifelt. „Nun, dann werden wir eine andere Lösung finden“, sagte die Eule nach einer Weile ganz ruhig. „Schau wie hoch diese Tanne ist, sie ist der größte Baum in unserem Wald. Du fliegst alleine zurück zu deinem Orchester und ich nehme deine Harfe und hänge sie dort in die oberste Spitze des Baumes. Der Wind wird ihre Saiten streichen, so dass das Licht wieder leuchtet und sie weithin sichtbar wird. Dann kann von oben ein anderer Engel kommen und sie für dich hinaufbringen.“ Für einen Moment war es mucksmäuschenstill, dann brachen die Tiere in einen Applaus aus. Der kleine Engel wusste zunächst nicht recht, was er davon halten sollte, aber weil die Zeit drängte, willigte er ein und sagte: „Ich bin sehr froh, dass ich euch begegnet bin und ihr mir geholfen habt. Bevor ich nun wieder nach Hause gehe, möchte ich euch mit einem besonderen Lied danken“. Das tat er und er spielte so schön, dass den Tieren wieder ganz warm ums Herz wurde. Wieder waren alle umgeben von einem hellen Schein, der diesmal so sehr blendete, dass sie ihre Augen schließen mussten. Plötzlich war es wieder still, das Licht war dem Silberschein des Mondes gewichen und der kleine Engel – war verschwunden. Am Boden, dort wo ergesessen hatte, lag die Harfe. Die Eule nahm sie und tat, wie sie vorgeschlagen hatte. Und wirklich, kaum war die Harfe am Baumwipfel befestigt, fuhr schon derWind hinein und mit den ersten Klängen begann sie zu leuchten. Der ganze Baum erstrahlte in einem wundersamen Licht. Es dauerte aber gar nicht lange, und Stille kehrte zurück in den Wald. Da wussten die Waldbewohner, dass die Eule wirklichdas weiseste Tier unter ihnen war.
Im nächsten Frühling wuchs an der Stelle, wo der Engel die Harfe abgelegt hatte eine Blume, die bis dahin noch niemand gesehen hatte und wunderschön blühte. Sie bekam den Namen Christrose.Seit dieser Zeit versammeln sich die Tiere des Waldes jedes Jahr an Heilig Abend friedlich bei der alten Tanne und erzählen sich von ihrem besonderen Erlebnis. Und manchmal, wenn es eine mondhelle Nacht war, meinten sie himmlische Klänge von „ihrem“ Engel zu hören.
Text: Angela Marmor Bild: Annalena Schieb

Eine wunderschöne Geschichte! Und eine ganz süße Illustration.
Liebe Grüße – von Renate
[...] Nachzulesen HIER. [...]
Hey Angela,
ich hab deine schöne Wintergeschichte noch nicht vergessen.
Schau mal bei mir vorbei:
http://www.annalena-schieb.de/das-geheimnisvolle-licht/
Liebe Grüße
Oh – das ist ja toll! Ich freu mich schon auf mehr!!!
Die nächste Geschichte liegt auch schon auf dem Tisch:
“Der Ahornkönig” und natürlich wartet auch “Die Weihnachtsspinne” noch auf ihre Fertigstellung…
LG